Wie kommt man darauf als Standard/Latein-Tänzer mit dem Tango Argentino anzufangen?
Der Leser wird mir bitte verzeihen das ich im Text ab einer bestimmten Stelle statt „Tango Argentino“ den Begriff „Tango“ verwende. Bitte denken Sie sich den „Argentino“ einfach dazu.

 Vor 30 Jahren begann meine tänzerische Karriere – mit einem Tanzkurs in der hiesigen Tanzschule. Durch weibliche List und Tücke hatte mich meine damalige Freundin dazu gebracht endlich diesen vermaledeiten Kurs mit ihr zu machen.
Wie sich herausstellte machte mir das vormals gemiedene Tanzen unerwarteterweise so viel Spaß das ich noch einige Kurse daran hängte. 
Ich war also definitiv für Standard/Latein zu haben.

Jahr(zehnt)e später bekam ich ein Essay über den Tango Argentino in die Finger. 
Natürlich kannte ich den Tango aus der Tanzschule, und ich dachte das der argentinische Tango schon irgendwie ähnlich ist, schließlich ähneln sich beide Tänze ja im Namen. In dem Essay wurde der argentinische Tango aber dermaßen in den Himmel gehoben für mein Gefühl das ich mir noch dachte „Man, die tragen aber ganz schön dick auf!“. Das konnte doch unmöglich stimmen was da stand.
Aber meine Neugierde war geweckt. Ich wollte diesen Tanz kennen lernen. 
Heute kann ich sagen: Alles was in dem Essay stand würde ich so unterschreiben!

Also was zum Henker ist jetzt so besonders an diesem Tanz!?
Für mich sticht folgendes heraus:

Tango Argentino – Ein Tanzuniversum

In Argentinien waren bei der Entstehungszeit des Tango Argentino viele Einwanderer aus aller Herren Länder. Sie alle brachten ihre eigenen Tänze mit und integrierten sie im Tango. Was als „Tango Argentino“ bezeichnet wird kann deshalb sehr unterschiedlich aussehen für Aussenstehende.
Um der Vielfalt Rechnung zu tragen, werden in den Tanzveranstaltungen für Tango Argentino, den sogenannten „Milongas“ mehrere Stile wechselseitig gespielt:

Der „Tango“

Er ist ein Tanz, der eher langsam, mit Geschwindigkeitsvariationen getanzt wird, oft zu klassischer Tangomusik :

Der „Waltz“

Viele der Einwanderer kamen aus Europa, und so wundert es nicht das die Walzer-Musik in den Tango Einzug fand mit ihrem typischen 3/4Takt.

Die „Milonga“

Der Stil kommt aus den fröhlichen Tänzen der damaligen schwarzen Sklavenschaft in Argentinien. Er ist geprägt durch eine Leichtigkeit und Lebensfreude. Gerade hier findet sich oft neben klassischer Milonga-Musik auch modernere Musikstücke:

„Rebellion“: Der Neo Tango

Jungen Tangotänzern war der klassische Tango zu einengend und altbacken, deshalb entwicklelten sie ihn weiter zu einem etwas freieren Tanz, den Neo Tango, mit einer entsprechend moderneren Musik:

Das Führungskonzept

In den „klasssischen“ Paartänzen die ich kenne (langsamer/Wiener Walzer, Rumba, Chacha, Samba, Discofox, Pasodoble, Quickstep, Foxtrott, Jive, Boogie Woogie,Tango) führe ich als Herr hauptsächlich mit meiner Führungshand. 

Im Tango Argentino erfolgt die Führung auf verschiedene Art, aber hauptsächlich über den Oberkörper.  Jetzt verstehen Sie vielleicht warum ich mich am Anfang hart mit ihm tat. Ich war es schlicht gewohnt über meine Führungshand die Dame in die gewünschte Position/Figur zu bekommen. Mein Oberkörper bewegte sich dabei streckenweise etwas unkontrolliert, was bei fortgeschrittenen Tangotänzerinnen regelmäßig zu hecktischen Bewegungen rund um mich führte. Eine gehetzte Dame vor mir und ein ratloser Herr (ich) vor ihr war das Resultat.

Die Tanzhaltung

Jeder Tanz hat seine spezielle Tanzhaltung, die zwar ab und zu verlassen wird, aber auf die man doch irgendwann wieder zurück kommt.
Beim Tango gibt es zwei Haltungen, die dem Wesen des Tango entsprechen. Da er ein Tanz ist in dem es auch mal gefühlvoll zugehen kann, ist zum einen eine Tanzhaltung auf Abstand vorhanden, zum anderen eine andere auf Tuchfühlung, Wange an Wange.
Sie ist ziemlich bekannt und unterstreicht den gefühlvollen Anspruch des Tango. 
„Nebenbei“ bekommt die Dame in dieser Haltung viel mehr von der Führung des Herrn mit.

Es geht los – aber wie genau?

Beim Tango Argentino gibt es keine Festlegung mit welchem Bein und in welche Richtung der Tanz beginnt. Der Herr „stellt“ die Dame über eine Pendel bewegung auf das gewünschte Bein, und beginnt dann mit dem ersten Schritt. Dieser kann vorwärts, seitwärts oder sogar rückwärts sein. Als durchaus bereits beim Start eine Herausforderung für die Dame.

Diverse Freiheiten in der Geschwindigkeit – oder „Völlig losgelöst …. von dem Takte…“

Der Punkt ist für mich besonders wichtig, weil er jedem Tangotänzer die Möglichkeit gibt stark zu variieren und damit den Tanz um einiges interessanter für beide Tanzenden zu machen. 
Sie haben schon richtig gelesen, im Tango kann ich als Herr den Takt der Musik völlig beiseite lassen und „off Beat“ tanzen. Das ist für einen Standard/Latein Tänzer der es gewöhnt ist bei jedem Takt einen Schritt zu machen schon eine harte Nummer.
Auch die meisten Tango Tänzer orientieren sich am Takt, aber auch dann haben sie die Möglichkeit die Geschwindigkeit zu variieren. Ich kann z.B. nur mit halber Geschwindigkeit 4 Schritte tanzen, danach 2 Schritte mit Normalgeschwindigkeit, dann noch 4 Schritte Doppelgeschwindigkeit. Interessant, nicht?
Wie die Frau das mitbekommt, wie schnell ich was machen will? Nicht über meine Führungshand (das hatten wir ja vorher schon), sondern rein über meinen Oberkörper. 
Und das tollste ist: Ich kann als Führender mittendrin „Kunstpausen“ einbauen.
Zum Beispiel wenn ich ganz bewusst nach einem schnellen Stakkatoschritt der Dame eine Verschnaufpause gönnen will – oder Überlegungszeit für die nächste Abfolge brauche, oder…
Probieren Sie das mal in einem anderen Tanz.;-)

Gibts überhaupt DEN „Tango Argentino“?
Um es gleich zu sagen: Nein, den gibt es nicht. 
Es gibt die verschiedensten Stile, und damit auch Variationen im Führungskonzept. 
Kann ich eine Dame aus meiner Tangoschule im Schlaf in das Kreuz führen, dann werde ich bei Damen die woanders lernen regelmäßig daran erinnert das es halt doch nicht immer so leicht ist. Das „Kreuz mit dem Kreuz“ wird mich also noch länger begleiten. 
Ein Bekannter der neben Tango Argentino auch noch Boogie Woogie tanzt klagte mir einmal sein Leid. Im Boogie könne er problemlos mit Damen anderer Schulen tanzen, weil es da ein weltweit einheitliches Führungskonzept und Figuren gibt. Und im Tango sei es immer ein Abenteuer.
Nun, ich liebe Abenteuer beim Tanzen. Das ist also eher ein Pluspunkt. Aus meiner Sicht.
Improvisation? Ja bitte!

Tango Argentino ist ein Improvisationstanz. Es gibt natürlich auch hier Figuren, und diese können wie in anderen Tänzen beliebig aneinandergereiht werden. Der improvisationsfreudige Herr kann aber immer mal wieder diese Figuren variieren um zu sehen was die Dame daraus macht – eine interessante Angelegenheit. 
Und manchmal sorgt auch die feine Führung im Tango dafür das man sich „missversteht“ und die Dame etwas macht was vom Herrn eigentlich nicht so geplant war – aber oft interessante neue Schritte und Figuren hervorbringt.

Gefühl, Gefühl, Gefühl

Im vorherigen Absatz über die Improvisation ist es schon angeklungen. Die Führung ist idealerweise sehr fein. 
Damit muss sich die Frau sehr auf den Herrn konzentrieren, der Herr wiederum sein möglichstes tun um ja „deutlich zu reden“. Tango ist das Gespräch zwischen zwei Menschen. Die Beziehung zweier Menschen zueinander zeigt sich im Tango deutlich, er wirkt wie ein Katalysator. 
Missverständnisse gibt es immer wieder und dann zeigt sich wie beide damit umgehen. 
Aber wenn einmal alles „flutscht“ ist es wie wenn sich zwei Körper im Einklang bewegen, ein Gefühl von Einheit das ich so in keinem anderen Tanz erlebt habe. 

Tango ist launenhaft wie eine Diva. Mal lässt er dich himmelhoch jauchzen, um dich im nächsten Moment in den Keller zu stürzen. Der „Tango Blues“ ist deshalb auch ein bekanntes Phänomen in Tango-Kreisen. Es gibt Tage wo man glaubt, überhaupt nichts mehr zu können. 

Und dann kann es schon mal sein das einem so etwas durch das Herz in die Finger strömt:
„Ich liebe den Tango.
Er lässt mich alle Gefühle erleben und mich dadurch leben.
Standard Latein tanze ich, Tango will ich leben.
Er hebt mich in den Himmel, rührt mich zu Tränen. Er stößt mich in die Tiefe um mir dann zu lernen aus dieser Tiefe wieder ans Tageslicht zu kommen. Mich anzunehmen wie ich bin und doch das Verlangen nach mehr zu entfachen.
Er zeigt mir neue Wege, neue Türen. 
Der Weg des Tango wird nie zu Ende sein.

Bäumchen wechsel dich – Tanzpartnerwechsel leicht gemacht für jederman(n)?
Was in Standard/Latein-Kreisen auch eher unüblich ist ist der Tanzpartnerwechsel bei einer Tanzveranstaltung. Wir Herren können dann die Dame der Wahl auffordern – und so sie will eine „Tanda“ (3 Lieder) mit ihr tanzen. Hört sich prinzipiell gar nicht sooo schlecht an, oder? 
Der Pferdefuß ist, unsere Dame kann natürlich auch von anderen Herrn aufgefordert werden. Und dann kann es uns schon mal in ein Gefühlschaos stürzen wenn wir mit ansehen müssen wie sie mit einem anderen Tanzpartner leichtfüßig und augenscheinlich glücklich über das Parkett schwebt.
Auch hier hält also der Tango ein Lern- und Aufarbeitungspotenzial für uns bereit: Wir dürfen lernen mit unserer Eifersucht und Tanzkompetenzkomplexen umzugehen.

Gerhard