Tango Argentino ist wie ein Gespräch zwischen zwei Tanzenden.
Viele Regeln und Merkmale eines Gespräches kann man deshalb auch auf den Tango übertragen:

Image by fsHH from Pixabay
Gespräch
Image by giselaatje from Pixabay

Tango Argentino

Das Gespräch

Über die Tanzhaltung (weit/eng) und das Einlassen auf sein Gegenüber ergibt sich die Tiefe – oder eben nicht

Das Gespräch kann eine unterschiedliche Intensität haben, vom Smalltalk bis zum tiefgehenden Dialog

Beim Tanz kann es rein um das Gefühl gehen oder um die Technik. Idealerweise um beides

Es kann über unterschiedliche Themen gehen. Privates, Fachgespräche, informative Gespräche, usw…

Der klassische Tango hält mit seinen ersten, eher melancholischen Liedern sehr viel Ernst für denjenigen bereit der sich dazu hingezogen fühlt.

Lebensfrohere Zeitgeister bevorzugen den Neotango oder Milonguero Stil.

Es kann ernst oder lustig zugehen

Der Herr führt, sie passt auf und folgt.

Dabei kann sie aber selber auch Akzente setzen (Geschwindigkeit, Verzierungen) und so ihrerseits etwas „sagen“. Der Herr sollte ihr aufmerksam „lauschen“.

Es redet immer nur einer, der andere hört aufmerksam zu.
Jeder kommt zu Wort.

Beide sind voll auf den anderen konzentriert. Die Dame reagiert auf die Führungsimpulse des Herrn, der Herr auf die Art und Weise wie die Dame diesen Impulsen folgt.

Der Zuhörer signalisiert dem Sprecher das er bei ihm ist und ihn versteht.

Der Tango bietet viele Möglichkeiten um den Tanz interessanter zu machen.

Ich kann als Herr meine Führungshaltung verändern, die Position der Führungshand, die Position meiner rechten Hand. Die Dame kann hier ebenfalls variieren. 

Geschwindigkeitsvariationen und Pausen fordern die Dame und geben ihr die Möglichkeit, selbst in Aktion zu treten.

Ein relativ kurzes tiefer in die Knie gehen führt meist zu einer freudigen Reaktion der Dame. Oder auch mal höher hinaus? Hauptsache es wird nicht langweilig. 

Der Sprecher verwendet Betonung und Variation der Sprechgeschwindigkeit um das Gesprochene für den Zuhörer interessanter zu machen

Unerwartete Tempi- oder Richtungswechsel des Herrn oder die veränderte Ausführung von Figuren sorgen bei der Dame im ersten Moment für Verwirrung, im zweiten für ein Schmunzeln. 

Die Dame kann mit einer veränderten Reaktion auf  seine Führungsimpulse den Herrn kurz aus dem Tritt bringen.

Eine Tanzpartnerin hatte es sich bei mir angewöhnt, zwischendrin unerwartet eine Damen-Barrida zu machen. Das hatte was. 

Der Sprecher überrascht den Zuhörer

Der Tanz/das Gespräch mit einem Fremden/Bekannten/Freund/gutem Freund/Herzmenschen

Im Gespräch wie auch im Tanz treffen wir auf unterschiedliche Menschen zu denen wir unterschiedliche Beziehungen haben. Das Gespräch mit einem unbekannten wird anders verlaufen als das mit einem guten Bekannten. Wir werden da über ganz andere Themen reden. Der erste Kontakt mit einem Unbekannten ist mit einem vorsichtigen Herantasten verbunden, um zu erfahren wir das Gegenüber „tickt“ und sich dann schließlich kennenzulernen. Dabei wird man wenig von sich preisgeben, das Gespräch wird eher an der Oberfläche bleiben. „Smalltalk“, wie man so schön sagt. Erst wenn man den anderen besser einschätzen kann traut man sich, mehr von sich zu zeigen, auch mal Themen anzusprechen bei denen die Zustimmung des Gegenübers nicht unbedingt sicher ist. In dem Moment wo jeder mehr von sich zeigt wird sich auch sein Gegenüber  leichter tun, dem guten Beispiel zu folgen. Es ergibt sich also eine aufwärts gerichtete Spirale in der man sich gegenseitig unterstützt, mehr von sich zu zeigen. Diese Spirale ereicht eine bestimmte Höhe.. Abhängig davon spricht man dann von einer Bekanntschaft, wenn es besser „gelaufen“ ist Freundschaft. Am Ende steht die Partnerschaft.
Ähnliche Prinzipien gelten auch beim Tanz. Über ein vorsichtiges Annähern/Ausloten beim ersten Tanz ergibt sich aus der Sympathie und dem Mut sich zu zeigen ein mehr oder weniger intensiver zukünftiger Tanz.
Uns Herren kommt dabei eine besondere Rolle zu: Wir sollten den ersten Schritt machen und der Dame unsere „Karten“ zeigen. Damit ermuntern wir sie, im uns im Tanz auch mehr und mehr ihre „Karten“ zu zeigen. Und so den Weg freizumachen für einen schönen Tanz zweier Menschen die sich verstehen.

Der Tanz/das Gespräch mit vielen. Eifersucht lässt grüßen…

Im Alltag macht sich keiner Gedanken darüber, mit wievielen Mensch man redet, es ist kein „Ding“.
Komplizierter wird es wenn das Gespräch auf rein körperlicher Ebene stattfindet, beim Tanz. Ich vermute das da sehr schnell die Angst entsteht, der Partner der gerade mit jemand anderem tanzt könnte diesen Tanz (und damit auch den Tänzer/die Tänzerin) interessanter finden. Das selbe Prinzip hat man allerdings auch bei einem Gespräch mit Worten – aber halt ohne Körperlichkeit. Damit ist das Potenzial für Eifersucht geringer – aber immer noch da.

Deshalb gehen manche Zeitgenossen auch auf „Nummer sicher“ und verhindern den Kontakt ihrer Partner mit anderen. Manche schon wenn es nur um Reden geht, viele in dem Moment wo ihr Partner anstalten macht mit jemand anderem zu tanzen. Mir fällt da gerade eine Szene aus dem Zeichentrickfilm „Findet Nemo“ ein, in dem sich Möwen um die vermeintliche Beute, dem Clownfisch Marlin streiten: „Meins!“….. „Meins!“…. „Meins!“. So ähnlich läuft das auch in unseren Köpfen ab habe ich manchmal den Eindruck. Dabei ist es eine Illusion das der Partner uns gehört. Er IST nur bei uns, idealerweise aus freien Stücken. Und wenn wir das laute „Meins!“ in unseren Köpfen vergessen können wir uns vielleicht freuen wenn unser Partner Freude am Tanz (oder dem Gespräch) mit jemand anderem hat.
Apropos: Wären Sie zufrieden wenn Sie nur mit ihrem Partner reden könnten, alle anderen Menschen tabu wären?

Ein anderer Aspekt ist die „Menge“, die ja bekanntlich das „Gift“ macht.
Sprich, mit wieviel verschiedenen Menschen will ich überhaupt tanzen? Ich für meinen Teil bin im wirklich Leben nicht sooo gesellig, entsprechend zurückhaltend beteilige ich mich auch im Tanz-Leben am Tanzpartnerwechsel. Andere wiederum sind richtige „Ratschkatln“ (redebegeistert), die sich regelrecht „durchratschen“. Warum nicht?
Beim Tanz kann jeder nach seiner Facon glücklich werden.