Ein Verwandtschaftsbesuch stand an. Es war das verlängerte Wochenende und aufgrund der sonst unterschiedlichen Ferienzeiten in Bayern (meiner Heimat) und Niedersachsen (dem Wohnort der Verwandtschaft) eine der wenigen Möglichkeiten dazu.
Ich gebe zu, ich bin kein Freund von Verwandtschaftstreffen, und so war mein letzter Besuch „oben“ schon gute 10 Jahre her. Außerdem könne es sein, dass meine gesundheitlich angeschlagenen Schwiegereltern das letzte mal bei ihrer jüngsten Tochter sein können, die es der Liebe wegen dort hinverschlagen hatte. So einer Argumentation konnte ich mich nicht entziehen, und so fuhren wir am Karfreitag in unserem Auto Richtung Grußendorf, wo meine Schwägerin wohnt.

Wenn wir unterwegs sind sondiere ich im Vorfeld meistens, ob es in unserer Aufenthaltszeit zum einen Ü30 Parties in der Gegend gibt, zum anderen Tango Argentino Tanzveranstaltungen.
Ich wurde bei beidem fündig, was mich sehr freute. Das Wochenende war gerettet! 😉

Leider konnte ich in der Gegend keine Neolonga ausfindig machen, und das, obwohl hier doch einige größere Städte sind (Braunschweig, Hannover, …). Als „junger Hund“ liebe ich Neolongas.
Das sind Milongas (Tanzveranstaltungen für Tango Argentino), bei denen modernere Musik gespielt wird. Die klassische Musik der „klassischen Milongas“ gefällt mir nur bedingt. Manchmal denke ich mir, ich habe da (noch) nicht den Zugang dazu gefunden.
Tatsache ist, bei Neolongas habe ich mehr Spaß. Die Musik gefällt mir besser und die Leute sind lockerer, genauso wie die ganze Tanzveranstaltung.
Milongas mit klassischer Musik verbinde ich mit alter Musik und einer gewissen Ernsthaftigkeit.
Die ist beim Tango durchaus legitim und gibt einem ja auch die Möglichkeit für gefühlvolle Tänze. Aber nach meinem Leitspruch „Die Menge macht das Gift“ wird mir das Ganze dann oft zuviel. Ich brauche Abwechslung zwischen Gefühl und Lebensfreude, bei den klassischen Milongas fehlt mir die Mischung oft.

Also war ich nur bedingt begeistert über die „Cafe Milonga im Kult“ die ich im Süden Braunschweigs ausfindig gemacht hatte. Trotzdem verließ ich das Familientreffen am Ostersonntag kurz vor Kaffee und Kuchen um mich geschniegelt und gestriegelt Richtung Braunschweig auf den Weg zu machen.

Den Norddeutschen wird gerne nachgesagt dass sie zurückhaltend sind mit ihren Emotionen.
Diese „Information“ im Kopf und die Aussicht einer klassischen Milonga die ich ja an sich schon als ernst erlebt hatte schraubten meine Erwartungen ziemlich herunter.

Und tatsächlich wurde genau die Art Musik gespielt die ich erwartet hatte.
Aber unerwarteterweise gefiel es mir trotzdem sehr gut.

Wenn ich mache was ich liebe… Bild: Steffi Pretz

Denn die Damen die ich zum Tanzen aufforderte waren ausnahmslos offen, freundlich und gut gelaunt. Ich wurde warm empfangen, auch vom Veranstalter.
Und auch meine Tendenz zum „Gaudimachen“ kam voll auf ihre Kosten mit einer Tänzerin die einen Witz beim Tanzen sofort aufgriff und ihrerseits herumalberte. Zwei ganze Tanzrunden lang hatten wir einen Heidenspaß.

Improvisation…  Bild: Steffi Pretz

Und auch da Gefühl kam nicht zu kurz.

Gefühlvoll geht auch Bild: Steffi Pretz

Die Fotografin Steffi Pretz machte bei dieser Veranstaltung Bilder, die auch in diesem Blog zu sehen sind. Ich war mir nicht sicher ob sie auch zum Tanzen hier war. Tanzt man mit Fotografinnen? Nachdem sie auch mit anderen Herren getanzt hatte fasste ich mir ein Herz und forderte sie auf. Ja, man tanzt auch mit Fotografinnen. Wenn ich gewusst hätte wie schön es ist dann hätte ich sie schon eher aufgefordert, viel eher.

Nach der Tanzveranstaltung hatte ich ein gutes Gespräch mit einem Musiker der auch Tango getanzt hatte. Er hat sich das Bandoneonspielen selbst beigebracht und mir erklärt warum es so schwierig zu spielen ist, und welche Vorzüge es besonders für Tango Argentino Musik hat. Die Feinheiten, Untertöne, die den Tanz so lebendig machen können. Er tat das in einer sehr ruhigen und sachlichen Weise, aber seine Augen sprachen Bände. In der gewaltfreien Kommunikation nach Marschall Rosenberg spricht der davon dass man kommuniziert was in einem lebendig ist.
Dieser Musiker kommunzierte was in ihm lebendig ist auf eine sehr eindrückliche und berührende Art. Nicht über eine lebendige Gestik und Mimik, sondern über seine Augen. Es war wunderbar für mich diese Begeisterung und Lebendigkeit zu spüren, mit ihm in die Welt der Musik einzutauchen.

Die Cafe Milonga in Braunschweig hat einige meiner Vorurteile gesprengt und sie
war eine „Herznahrung“ für mich. Sie war mit Abstand das schönste am ganzen Wochenende.
Sagen Sie das aber bitte nicht meiner Frau oder Schwägerin… 😉