Distanzzonen

Der Tanz scheint die Regeln für den richtigen Abstand zweier Menschen außer Kraft zu setzen.

Nähert sich mir im „normalen Leben“ langsam ein Mensch, dann wird sein Näherkommen unter einem gewissen Mindestabstand unangenehme Gefühle bei mir hervorrufen. Ich fühle mich in meinen Grenzen verletzt. Der Abstand in dem diese „Grenzverletzungs-Gefühle“ entstehen hängt unter anderem davon ab wie wir zu dieser Person stehen die sich uns nähert, wie sympathisch sie uns ist, in welcher Beziehung wir zu ihr sind.

Freunde und Arbeitskollegen z.B. lassen wir in unsere „persönliche Zone“. Die deutlich kleinere „intime Zone“ ist meist nur dem Partner und guten Freunden vorbehalten. Sie hat einen Radius von ca. 30cm um uns herum.

Die Überwindung der Distanz im Tanz

Bei den Tänzen wie z.B. den Tango Argentino oder beim freien Tanz („Welle“, „5Rhythmen“) die mit unterschiedlichen, streckenweise auch unbekannten Tanzpartnern getanzt werden ist es nötig in diese „intime Zone“ zumindest mit den beiden Händen „ein zu dringen“. Warum führt diese bei beiden Tanzpartern nicht zu einem Gefühl der Grenzverletzung?

Meine Vermutung ist, das für diesen einen besonderen Fall eine Art „stille Vereinbarung“ zwischen den Tanzenden getroffen wird, die es beiden erlaubt, die Distanz zu überbrücken und in einen Kontakt zu gehen. Diese „Vereinbarung“ beinhaltet Regeln, was der andere tun darf bzw. auf keinen Fall tun soll um das Gefühl der Sicherheit bestehen zu lassen.

Die Regelverletzung -Auswirkungen und Nebeneffekte

Hält sich einer der Tanzpartner nicht daran kann das zu Verwirrung, Angst, und sonstigen unguten Gefühlen beim Gegenüber führen. Er wird daraufhin wahrscheinlich den Abstand vergrößern.

So habe ich als Herr einen bestimmten Bereich am Rücken der Dame, in dem sich meine rechte Hand bewegen darf – aber Vorsicht: Ohne sich dabei zu bewegen. Ich kann sie also an einer bestimmten Position ablegen.

Jede Bewegung meiner Hand könnte von meiner Tanzpartnerin als Streicheln angesehen werden. Wenn man sich nicht gut kennt wird sie das nicht unbedingt als positiv empfinden. 
Meine Hand kann fest auf ihrem Rücken aufliegen, oder nur sanft den Rücken berühren, vielleicht nur über die Fingerkuppen? Auch das könnte meine Tanzpartnerin irritieren – oder erfreuen, wenn sie wirklich MEINE Tanzpartnerin ist.

Das in Verbindung mit einer sanften Streichelbewegung ist für mein Gefühl eine ziemlich heftige Regelverletzung, aber ich bin mir nicht sicher, warum ich dieses Gefühl habe.

Geht es Ihnen genauso wenn Sie an so eine Situation denken? Für mich ist diese Bewegung ein Grad von Intimität wie ich sie definitiv nicht mit jedem Tanzpartner haben will.
Wie sieht es mit der Führungshand aus? Hier haben wir ein ähnliches Bild. Allerdings kann sie von sich aus schlecht in eine streichelnde, die Haut liebkosende Bewegung kommen.

Was passiert jetzt wenn ich meine Führungshand oder meine rechte Hand in einen Bereich lege, der für den Tanz nicht vorgesehen ist?
Das die sogenannte „Bikinizone“ bei Frauen absolut tabu ist muss ich nicht  extra erwähnen. Aber was ist mit dem Rest?
Was passiert wenn ich meine Hand in ihren Nacken lege? Sinnlich, nicht!?
Oder den Kopf streichle, über das Schlüsselbein gehe. Oder über den Arm?
Das ist dann definitiv nichts mehr für einen Tanz mit einer Fremden, sondern der Dame vorbehalten die man mag – sehr mag. 
Ich schätze, sie würde sich darüber freuen…

Eine andere Betrachtungsweise

Die Forschersicht

Aus der Sicht eines Hirnforschers sieht das ganze vielleicht so aus:
(Quelle: https://www.gehirnlernen.de/gehirn/das-limbische-system-oder-das-säugergehirn/)

Unser Gehirn besteht aus verschiedenen Bereichen, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Der älteste Teil ist das „Reptiliengehirn“ (Hirnstamm), auf dem sich später das „Säugergehirn“ (Limbisches System) und erst dann das Großhirn entwickelt hat. Diesem Großhirn verdanken wir unsere Intelligenz, Bewusstsein, Vernunft.

Umgemünzt auf den Tanz

Ich schätze das darin auch gesellschaftliche Regeln und Vorgaben „abgelegt“ sind. Damit sind wir vor dem Tanz wahrscheinlich hauptsächlich in diesem Arial, bzw. ist es aktiv. 
Mit der Kontaktaufnahme mit dem Tanzpartner dürfte sich auch das „Säugergehirn“ mit „dazuschalten“. Es ist für Emotionen, Antrieb und Lernen zuständig, damit wahrscheinlich auch maßgeblich dafür verantwortlich, das wir überhaupt tanzen wollen. 
Mit dem Tanz wird auch des „Reptiliengehirn“ aktiv, denn es ist für die Feinabstimmung und Koordination unserer Bewegungen zuständig. Damit kommen wir praktisch mit einem Tanz zurück zu unseren entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln, zum „Ursprung“.

Wir sind im Tanz „ganz“.

Das erklärt vielleicht auch warum sich im Tanz viele  anders, extrovertierter, glücklicher, …  verhalten als es ihre Umgebung von ihnen gewohnt ist. 
Das vernünftige Großhirn tritt zur Seite und macht Platz für das verspielte „Säugergehirn“ und das bewegungsaffine „Reptiliengehirn“.
Wir haben einen anderen Menschen in unserer „intimen Zone“, was aber keines der beteiligten Hirnregionen stört solange der Tanz in einem bestimmten Rahmen abläuft. 
Ein verlassen dieses Rahmens führt zu einem Ungleichgewicht mit einer Reaktion in die eine oder andere Richtung. 

Ein lebendiger Tanz der sich nicht an die Konventionen hält (Großhirn) kann in ein Spiel zweier „Kinder“ umschlagen. Oder in einen berührenden Kontakt zweier Menschen. Beides hat man z.B. beim sogenannten „freien Tanz“, den 5Rhythmen. 
Hier gibt es nur wenige Regeln, jeder kann sich so zeigen wie er ist, und auch tanzen mit wem und wie er mag. Was dann ein idealer Nährboden für Kontakte der oben geschilderten Art ist.

Ein enger oder inniger Tanz kann uns erotische Gefühle bescheren („Reptiliengehirn“). 
Diese Erkenntnis hat George Bernhard Shaw (1856-1950) treffend so zusammengefasst:
  „Tanzen ist der vertikale Ausdruck einer horizontalen Begierde legalisiert durch Musik“.
Bei all den schönen Gefühlen sollte man aber eines nicht vergessen: Man kann sie genießen, aber sollte sich dabei im klaren sein das sie auch der besonderen Situation (Musik, dem Tanz an sich, der eigenen Verfassung) geschuldet sind. Deshalb wurde so mancher der dachte auf dem Parkett seine große Liebe gefunden zu haben im Alltag enttäuscht. 
Der Ratschlag eines Bekannten der freien Tanz veranstaltet ist deshalb: „Was auf der Tanzfläche passiert, bleibt dort auch“.

Und schließlich kann es auch so werden das unser „Reptiliengehirn“ bei einer „Regelverletzung“ eine drohende Gefahr wittert und dann beherzt zur Tat schreitet. Vielleicht kann der Bewegungsimpuls durch die nachgeschalteten, übergeordneten Hirnareale noch in ein höfliches Verlassen des Tanzgeschehens umgewandelt werden, wenn nicht klatscht es laut.

Also, durch den Tanz, besonders dem engen, innigen, erfahren wir einen richtigen „Gefühlsboost“.
Wenn wir uns auf den Tanz bzw. dem Tanzpartner einlassen (Verstand aus, Gefühl ein) kann es himmlisch werden – und alle Hirnregionen kommen auf ihre Kosten. Und damit wir natürlich auch…

Gerhard